Die Gewaltfreie Kommunikation und ihre Anwendung bei Patchwork – Familien

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Die Familie. Die kleinste Einheit unserer Gesellschaft. Wurde vor ein paar Jahren die Familie klar definiert durch Mama + Papa + Kind, sieht das heute anders aus. Das Leben ist bunt und das zeigt sich ganz deutlich in den Familienkonstellationen. Da gibt es die Paare mit Kindern die nur zusammenleben – ohne Trauschein. Dann gibt es die eingetragene Lebenspartnerschaft. Und dann gibt es noch die Familien, in denen die Kinder zwei Wohnorte haben. Die sogenannten Patchworks. Genannt wie die Handarbeit, bei der verschiedene Textilien genutzt werden um ein neues Textil anzufertigen. Genauso ist das auch bei diesen Familien.

Zwei Menschen, die aus Liebe Kinder gezeugt haben, trennen sich. Die Gründe sind so vielfältig wie die Menschen individuell sind. Jedem Ende liegt ein Anfang inne und somit finden sich neue Partner. Diese haben dann vielleicht euch Kinder aus früheren Beziehungen. Die Familie ähnelt vergleichsweise einem solchem bunten Teppich.

Familien waren früher groß. Mehrere Generationen lebten zusammen und versorgten die Kinder. Mit Beginn der Industrialisierung wurde das nicht mehr gelebt. Jeder lebte für sich. Die Familien bestanden aus wenigen Mitgliedern. Mit den Patchwork Familien ist die Größe der Familie wieder angewachsen. Wieder kümmern sich mehre Bezugspersonen um die Kinder.

Nur leider, wird das häufig gar nicht so gewollt.

In meiner Arbeit als Familiencoach und Kommunikationstrainer für Patchwork-Familien erlebe ich häufig Sprachlosigkeit und ungelöste Konflikte. Mit diesem Beitrag möchte ich eine Möglichkeit aufzeigen, die das Zusammenleben vereinfachen kann.


Die Patchwork – Familie

Als Jugendliche träumen viele von der großen Liebe. Gemeinsam alt werden, erleben wie die Kinder eigene Kinder in die Welt setzen. Groß ist die Enttäuschung dann, wenn die Realität anders aussieht.

In Deutschland wird jede dritte Ehe geschieden. Die meisten davon haben Kinder. Diese werden allerdings nicht in die Entscheidung der Trennung mit einbezogen. Sie werden vor vollendete Tatsachen gestellt, mit der Mammutaufgabe die Situation zu begreifen, zu verstehen und zu mögen.

Die Trennung der eigenen Eltern mitzuerleben ist schon schwierig, wenn dann noch ein neuer Partner ins Leben der Mama oder des Papas tritt wird das Kinderleben ganz schön durchgeschüttelt.

Die Konstellation mit zwei Vätern oder zwei Müttern aufzuwachsen bedeutet viel Kommunikation.

Am Besten ist ein gelungenes Miteinander ohne Streit und Konflikte.


Wie kann das gelingen, wenn viele Emotionen involviert sind?

Die Gewaltfreie Kommunikation ist ein Modell, dass allen Parteien die Möglichkeit bietet sich auszudrücken, ohne den Anderen dabei zu beleidigen oder gar zu verletzen.

In der GFK geht es darum, seine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und zu spüren. Diese Art der Empfindungen helfen beim Formulieren einer Bitte.

Warum?

Hinter jedem Gefühl steht ein unerfülltes Bedürfnisse. Sei es nach Nähe, Geborgenheit, Austausch, Vertrauen etc. Unsere Gefühle nehmen wir sehr schnell wahr. Sie sind in uns und werden durch bestimmte Worte, Taten und Handlungen ausgelöst.

Ein häufiges Problem  bei Patchwork – Familien: Die Schuldfrage. Die Mitglieder geben einander die Schuld für ihr Wohlergehen.

Beispiel:

Ex-Frau zum Ex -Mann „Du bist schuld, dass es mir schlecht geht und ich nun unter chronischen Kopfschmerzen leide.“ Hier spürt die Ex – Frau Trauer und Einsamkeit.

Ex -Mann zum Neuen Partner „Wegen dir ist meine Familie auseinander gebrochen. Du bist schuld dran“ Hier spürt der Ex – Mann Wut und Zorn.

Wichtig ist zu wissen, dass niemand uns ein Gefühl machen kann. Niemand kann uns traurig oder wütend machen. Niemand kann uns glücklich oder zufrieden machen. Niemand ist für unsere Gefühle verantwortlich – nur WIR.

Nur wir fühlen unsere Gefühle und somit haben wir auch die Verantwortung für unsere Gefühle. Und wenn sich jemand traurig fühlt, dann muss geschaut werden, welches Bedürfnis dahinter liegt. Welches Bedürfnis wurde nicht genährt? Welches Bedürfnis wurde übersehen?

Bedürfnisse sind frei von Zeit, Ort und Person. Sie äußern einen Wunsch oder ein Verlangen, einen tatsächlichen oder empfundenen Mangel zu beseitigen. 

Die Emotionen fliegen manchmal sehr hoch, wenn der Ex-Partner die Kinder übers Wochenende hat oder ein neuer Partner an seiner Seite ist.

Alte Verletzungen treten zu Tage und beeinflussen das Miteinander. Wut und Trauer übernehmen die Führung. Die Folge: Die Kommunikation ist gestört. Ein gutes Gespräch findet meistens nicht mehr statt.


Die Gewaltfreie Kommunikation in ihrer Anwendung

Ist der Alltag so gestört, dass ein Miteinander kaum noch möglich ist, findet ein Elternteil den Weg zu mir. Mit dem Anliegen die Kommunikation wieder in Fluss zu bringen, erläutere ich die vier Schritte anhand visueller Karten, welche ich auf den Boden lege. So hat der Klient die Möglichkeit jeden einzelnen Schritt bewusst zu gehen und zu erleben.

Die ersten Stunden beginnen wir damit, dass wir uns die Gefühle des Klienten näher anschauen. Durch das bewusste Wahrnehmen der Gefühle in der jeweiligen Situation, wird das dahinter liegende Bedürfnis klar. Also, um was geht es mir wirklich – wirklich?

Beispiel:

Beobachtung: Mein Ex-Mann holt jeden zweiten Freitag unsere Kinder ab und bringt sie am Sonntag wieder nach Hause.

Gefühl: Ich fühle Trauer und Wut in mir. Am liebsten würde ich ihn anschreien, er soll nie wieder kommen. Ich zittere am ganzen Körper.

Bedürfnis: Mein Bedürfnis nach Harmonie und Miteinander ist gestört. Ich bin am Wochenende ohne meine Kinder. Mein Bedürfnis nach Nähe zu meinen Kinder ist nicht genährt. Auch die Kommunikation mit meinem Ex-Mann fehlt mir.

An diesem Punkt – das klare Sehen der eigenen Bedürfnisse – kommt es oft zu traurigen Reaktionen. Die Klienten weinen, sind betroffen und lassen zum ersten Mal ihren Schmerz zu.

Wenn das geschehen ist, dann kann daraus eine klare Bitte formuliert werden. Entweder an sich selber oder an den Anderen.

Bitte:  Ich weiß, dass mein Ex-Mann alle 14tage unsere Kinder bei sich hat. Damit ich an diesen Tagen mein Bedürfnis nach Nähe und Miteinander befriedigen kann, werde ich mich mit einer Freundin fürs Kino verabreden. Ich bitte meinen Ex – Mann, ob er unsere Kinder am Sonntag eine Stunde früher nach Hause bringen kann. Sie fehlen mir sehr und so hätte ich am Sonntag eine Stunde mehr Zeit mit ihnen, bevor der Alltag am Montag wieder startet.

Wichtig bei der Bitte ist, dass sie verhandelbar ist. Das bedeutet, wenn der Ex-Mann Nein sagt, kein Streit daraus entsteht, sondern eine Akzeptanz seiner Entscheidung. Eine Bitte kann vom anderen erfüllt werden, muss aber nicht. Weitere Eigenschaften einer Bitte sind: positive und klare Formulierung, präzise, Sinnerfüllt und in einer Ich – Botschaft.

Nachdem die eigenen Bedürfnisse sichtbar geworden sind und auch vom Klienten angenommen werden konnten, folgt der nächste Schritt. Der Perspektivenwechsel. Das beutet, dass wir uns die gleiche Situation aus Sicht des Ex-Partners anschauen.

Wieso?

Ein Perspektivenwechsel hilft zu verstehen. In die „Schuhe“ des anderen zu schlüpfen und die Lage mit seinen Augen zu betrachten und wahrzunehmen, unterstützt das gegenseitige Verständnis füreinander.

Beispiel:

Beobachtung: Alle 14 Tage hole ich meine Kinder übers Wochenende zu mir. Am Freitag hole ich sie bei meiner Ex-Frau ab und am Sonntag bringe ich sie wieder zurück.

Gefühle: Ich freue mich sehr auf diesen Tag: Ich bin richtig euphorisch und aufgeregt. Ich sehe sie einfach zu selten, deswegen sind diese Wochenenden für mich heilig.

Bedürfnis: Mein Bedürfnis nach Miteinander, Austausch mit meinen Kindern wird da befriedigt. Ich kann für sie Sorgen (<— ist ein Bedürfnis). In dieser Zeit ist meine Welt in Ordnung – mein Bedürfnis nach Harmonie ist genährt.

Bitte: Ich bitte meine Ex-Frau, dass ich unsere Kinder jeden Mittwoch nach der Schule abholen kann und nach dem Abendbrot wieder nach Hause fahre. Ich möchte einfach mehr Zeit mit ihnen verbringen.

Durch das hinein spüren in den Anderen und das Wahrnehmen seiner Bedürfnisse, kann Verständnis entstehen. Dies ist der erste Schritt in eine gelungene Kommunikation.


Was ändert sich nun?

Auch wenn der Gesprächspartner oder Ex-Partner nichts von der Gewaltfreien Kommunikation weiß, kann sie trotzdem angewandt werden. Einer muss den Anfang machen. Spürt der andere die wohlwollende Art und das „Gesehen-werden“ vom Gegenüber, wird er sich ebenso positiv verändern. Schließlich darf das Miteinander leicht sein und die Kommunikation auch!


Dieser Beitrag ist von Jana Ludolf, Familiencoach und Kommunikationstrainerin aus Bad Blankenburg.

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Die Idee hinter dem Blog

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Jede Familie ist individuell. Jede Familie ist einzigartig.

In ihrer Zusammensetzung. In ihrem Alltag. In ihrem Umgang mit besonderen Momenten. In ihrem Umgang mit Konflikten.

Eine Patchworkfamilie zu haben, dass bedeutet:

  • mehr Familienmitglieder als eine reine Ursprungsfamilie zu koordinieren
  • verschiedene Interessen und Bedürfnisse treffen aufeinander
  • unterschiedliche Ansichten wollen gesehen werden
  • Erziehungsstile müssen über eine Distanz geführt werden
  • die Wochenenden werden aufgeteilt
  • die Kinder haben mehr wie ein Kinderzimmer

An manchen Tagen funktioniert alles reibungslos. Eine Leichtigkeit macht sich im Alltag breit und die Bäume könnten ausgerissen werden.

An anderen Tagen sieht das dann ganz anders aus. Da sind Konflikte und Meinungsverschiedenheiten an der Tagungsordnung. Die Frage: Warum tue ich mir das an? steht dann ganz groß im Raum.


Die Idee hinter dem Blog

Auf diesem Blog sollen / können genau diese Geschichten erzählt werden. Alles rund um die Patchworkfamilie. Die schönen und leichten Momente. Die schwierigen und scheinbar aussichtslosen. Die Geschichten die Mut machen und zeigen, dass es immer einen Weg gibt. Die Geschichten, die für andere Impulse im Alltag sein können. Die Geschichten, die Lösungsideen anbieten.

Einfach die Geschichten, die zeigen: DU bist nicht allein.

Schick uns DEINE Geschichte an: info@patch-work-familie.de und wir veröffentlichen sie genau hier.

Wir freuen uns von dir zu lesen.